echte idealisten

durch mehr oder weniger großen zufall ist mir ein artikel aus der sogenannten staatsableitungsdebatte der 1970er in die hände gekommen (nun ja, durch blick ins bücherregal), der vor allem deshalb interessant ist, weil der gegenstandpunkt-säulenheilige freerk huisken (neben sybille von flatow) daran mitgewirkt hat und der beim lesen als blaupause der gegenstandpunkt-staatstheorie zu erkennen ist1. da es ja auch bei blogsport einige gegenstandpunkt-fans gibt, hier eine kritik. diese kritik ist zwar in großen teilen nicht wirklich neu (sie wurde auch schon teilweise in den 1970ern im rahmen der debatte geäußert), aber da ja niemand alles kennen kann, denke ich, dass es dochmal notwendig ist, ein wenig werkzeug gegen den gegenstandpunkt bereitzustellen.
die staatsableitungsdebatte bestand in dem versuch, um den kontext klar zu machen, entgegen dem orthodoxen basis-überbau-schema, in welchem der staat als teil des überbaus bloßer reflex der ökonomischen basis konzipiert ist, die spezifisch kapitalistisch-moderne form des staates in einer art analogie zur wertformanalyse herzuleiten, um die besonderung des staates von der gesellschaft, bzw. die trennung politik-ökonomie als relative (später relationale) trennung zu thematisieren. dabei schloß die debatte, mehr oder weniger, an die neue marx-lektüre an, welche die wertform in den mittelpunkt der relektüre stellte, die ja bekanntlich im orthodoxen marxismus vollkommen dethematisiert wurde (hierin gleicht nebenbei der strukturale marxismus auf merkwürdige weise dem orthodoxen).
flatow/huisken setzen nun ihre analyse der besonderung des staates von der gesellschaft an den interessen der eigentümer der drei revenuequellen an: kapital, boden und arbeit. hieran wird der widerspruch zwischen besonderen interessen und allgemeinem interesse entwickelt. Es werden drei allgemeine interessen konstatiert, welche alle eigentümer der unterschiedlichen revenuequellen besitzen: a) schutz und sicherung des privateigentums vor dem zugriff durch nicht-eigentümer, b) das gesicherte wirtschaftswachstum und c) das reibungslose und krisenfreie funktionieren der wirtschaft.
der staat wird nun daraus abgeleitet und als sachverwalter der allgemeinen interessen – was als interessen des gesamtkapitals gedacht werden muss – konstruiert. vielleicht mag man sich hierbei zunächst an marx und engels passage aus der deutschen ideologie erinnert fühlen: „Dieses Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsrer Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung, und eben aus diesem Widerspruch des besondern und gemeinschaftlichen Interesses nimmt das gemeinschaftliche Interesse als Staat eine selbständige Gestaltung, getrennt von den wirklichen Einzel- und Gesamtinteressen, an“ (mew 3, 33), doch da es bei marx/engels folgendermaßen weitergeht: „und zugleich als illusorische Gemeinschaftlichkeit“, findet sich doch merklich der unterschied. zum einen, dass die besonderung des staates nicht aus dem interesse heraus, sondern aus dem prozess der verselbständigten sozialen tätigkeit erklärt wird, zum anderen dass das gesamtinteresse im ausdruck der illusorischen gemeinschaftlichkeit relativiert wird und der staat eben nicht als die institutionalisierung des allgemeinen interesses (allgemeinen willens), sondern als getrennt von den wirklichen interessen (einzel und gesamt) sich konstituiert. hier offenbaren flatow/huisken also ihre im genuinen sinne idealistische konzeptionalisierung des staates. das wird noch deutlicher, wenn sich angeschaut wird, in welche weiteren überlegungen das ganze eingebettet ist.
da flatow/huisken das problem haben, gleichzeitig zum staat als sachverwalter der allgemeinen interessen diesen als klassenstaat (da ja die allgemeinen interessen als interessen des gesamtkapitals nunmal auch die verschiedenen klassenpositionen der eigentümer der unterschiedlichen revenuequellen inhärieren) denken zu wollen/müssen, verstricken sie sich tiefer in den idealismus. wie? nun folgendermaßen: durch eine verquere oberflächentheorie der kapitalistischen gesellschaft. auf der oberfläche erscheint nun der staat als garant der freiheit und gleichheit der privateigentümer, dies fällt unter die verwaltung der allgemeinen gesamtinteressen. die oberfläche – und damit die freiheit und gleichheit – wird aber als reiner schein konzeptionalisiert (eine argumentation, die zu den basics des gegenstandpunkts gehört). um den schein zu durchschauen müssen also die allgemeinen interessen als solche des gesamtkapitals entlarvt werden. wenn dies geschieht, die allgemeinen interessen als erhaltungsinteressen des gesamtkapitals durchschaut sind, dann verliert der staat den status als sachverwalter der allgemeininteressen und entpuppt sich als klassenstaat, doch nicht nur das, sondern als „instrument der herrschenden klasse“. das ist der hintergrund der gegenstandpunktrevolutionstheorie: man muss die menschen über den wahren charakter des staates aufklären, dann verliert er den schein und die revolution steht vor der tür. aus dem idealistischen staatsverständnis folgt also eine bewusstseinstheologie. daher auch die abneigung des gegenstandpunkts gegen demokratie (ist ja sowieso nur schein) und deren abgrenzung zu faschismus/nationalsozialismus (der faschismus ist nach peter decker ja auch nix anderes als eine bewegung zur rettung des staates, also des allgemeininteresses des gesamtkapitals. das ist die bewusstseinstheologische variante von „hinter dem faschismus steht das kapital“), sowie der konstatierung von widersprüchen im staat, denn im allgemeininteresse können ja keine widersprüche sein. daher auch der permanente vorwurf gegenüber anderen, sie wären moralisch, die eben die widersprüche zugrunde legen.
um das so annehmen zu können, müssen einige grundannahmen gemacht werden, die einfach nicht zu halten sind. zum einen wird metaphysisch über die formulierung der drei allgemeinen interessen ein allgemeiner wille des gesamtkapitals konstruiert (was ein schlechter versuch ist, die hegelschen überlegungen zum staat aus der rechtsphilosophie materialistisch zu übersetzen). dazu muss das gesamtkapital als reales vorausgesetzt sein. allerdings existiert das kapital nur in der form von einzelkapitalen. das gesamtkapital ist demgegenüber nur eine vermittlungskategorie. über das realsetzen des gesamtkapitals und das institutionalisieren seines willens im staat wird der staat darüber auf der oberfläche zum subjekt (wer einmal den schon erwähnten decker gehört hat, kennt diese formulierungen: „der staat tut“, „der staat macht“ blablabla). doch ist der schein weg wird der staat zum instrument. damit oszilliert die vorstellung des staates zwischen subjekt und instrument und liegt beides mal daneben. zudem kann mit der annahme der freiheit und gleichheit auf der oberfläche als reiner schein das recht nur als mit dem staat identisches angesehen werden, wobei die materielle selbständigkeit des rechts gegenüber dem staat (bei franz neumann ist mehr darüber zu erfahren) nicht gedacht werden kann. gleichzeitig wird der schein der bürgerlichen gesellschaft, wie schon angedeutet auf ein bewusstseinsproblem reduziert. dabei wird nicht nur hinter marx, nein sogar hinter hegel zurückgefallen, der den zusammenhang von tätigkeit, erfahrung, bewusstsein und verkehrung schon materialistischer dachte, als es flatow/huisken und der gegenstandpunkt jemals denken können (siehe das herr-knecht-kapitel in der phänomenologie und noch viel mehr die auseinandersetzung hegels mit adam smith und der arbeitsteilung, ich glaube das ist im anhang zur jenaer realphilosophie, bin zu faul zum raussuchen). vollkommen außen vor in dieser idealistischen staatstheorie bleibt das problem, dass den lohnarbeiter_innen das interesse an der erhaltung ihrer arbeit (revenuequelle) über jahrhunderte „eingepeitscht“ (marx) werden musste, und zwar mittels der gewalt des staates. diesen widerspruch kann diese theorie nicht erklären.
aus der logik der idealistischen staatstheorie heraus folgt dann notwendig, dass die gspler_innen, um sich ihres „materialismus“ zu vergewissern, überall nur staatsidealisten und linke moralist_innen am werk sehen.
„damit diese scheiße erledigt“ (mew 26.3, 363)

  • sybille von flatow/freerk huisken 1973: zum problem der ableitung des bürgerlichen staates, in: probleme des klassenkampfes nr.7, s.83-156 [zurück]

  • 10 Antworten auf „echte idealisten“


    1. 1 W.I. 22. Juli 2008 um 15:08 Uhr

      Kurze Anmerkung: Huisken war zu der Zeit noch nicht bei den Roten Zellen bzw. der AK. Seine Position zur Staatsableitungsdebatte zu kritisieren und meinen damit die Staatsableitung des GS zu treffen haut nicht hin, schließlich haben die Genossen selbst im Resultate Band #1 den Beitrag von Flatow/Huisken kritisiert.

    2. 2 Administrator 22. Juli 2008 um 15:50 Uhr

      ob huisken damals schon dabei war oder nicht ist belanglos. zum einen wurde der beitrag (wie dort explizit erwähnt) nach einer debatte mit der mg/tf geschrieben und nimmt darauf explizit bezug. zweitens ging es mir darum, dass in diesem beitrag entwickelte theoreme bei heutigen diskussionen mit gspler_innen immer wieder auftauchen. es geht um inhaltliche überschneidungen.

    3. 3 Alberner Vogel 23. Juli 2008 um 16:44 Uhr

      Es ist doch albern, eine Theorie zu kritisieren, deren Autoren davon längst Abstand genommen haben. Setz dich – wenn es denn schon sein muss – doch lieber mit der Staatsableitung der MG auseinander als mit einem Papier, das sowieso niemand richtig findet, weder Huisken noch die MG noch sonstwer. Ist doch albern sowas.

    4. 4 Alberner Vogel 23. Juli 2008 um 16:48 Uhr

      Allein so Bemerkungen, wie dass Demokratie für den GSP „nur Schein“ sei zeugen übrigens davon, dass du deren Kram nicht sehr gründlich gelesen hast. Die Demokratie ist nicht Schein sondern bittere Realität, denn sie ist die gültige und durchaus adäquate Herrschaftsform einer kapitalistischen Gesellschaft.

    5. 5 Administrator 23. Juli 2008 um 18:40 Uhr

      nun ja, mir ging es nicht darum, eine gsp-exegese zu unternehmen. für so einen quatsch ist mir meine zeit zu kostbar. wie ich bereits schrieb, ging es darum, die argumentationen gegenwärtiger gegenstandpunktler (sind ja meistens männer), sei es bei kongressen (decker beim umsganze z.b.) sei es in seminaren, in diskussionen zu marx oder anderen veranstaltungen, an einen ihrer ursprünge zurückzubinden. da ist es, wie gesagt, egal, was die autorinnen heute dazu sagen, bei welcher gruppe sie sind oder nicht usw.
      und dass der gsp freiheit und gleichheit nur als schein ansieht, das machen seine stimmen immer wieder deutlich (so z.b. der besagte decker bei besagtem kongress) und in der theoretischen genese ist dies zurückzuführen auf die theoretisierung der „oberfläche der kapitalistischen gesellschaft“ damals durch die mg. es geht um die stukturelle übereinstimmung der logik der argumentationen. ja das ist manchmal schwer zu verstehen. mit formalem zeug wie xy ist aber damals net dabeigewesen oder xy hat seine theorie aber widerrufen wird eben nix zur sache ausgesagt.
      und nochwas: im gegensatz zu einem versuch kritischer rückbindung gegenwärtig verwendeter theoreme an die urspünglichen diskussionen ist es viel alberner der gsp-theorie anzuhängen.
      ’nuff said!

    6. 6 Administrator 23. Juli 2008 um 18:57 Uhr

      und – ja scheiße ich habs getan – nur mal so: aus der gsp-staatsableitung:

      „Der bürgerliche Staat ist also die Verselbständigung i h r e s abstrakt freien Willens“ (ihres= die bürger)

      „Der souveräne Staat ist von den Bürgern getrennte, selbständige Instanz, die mit keinem besonderen Interesse identisch ist und gerade und nur deswegen von allen anerkannte Gewalt ist, weil er s e i n Interesse, das Allgemeinwohl, gegen die Privatsubjekte durchsetzt.“

      ein kurzer blick in dieses dokument reicht und schon haben wir: staat = allgemeininteresse sowie staat = subjekt.

      q.e.d.

    7. 7 bla 04. September 2009 um 10:41 Uhr

      Administrator, jetzt überleg doch mal was das kleine Wörtchen abstrakt vor dem freien Willen bedeutet. Als Hinweis ein Auszug aus der Kritik an Huisken/Flatow aus dem Resultate Bd.1:

      „Kommen wir nun zu den subjektiven Trägern der Verhältnisse. In der Beziehung von Revenue auf Revenuequelle erscheinen die Eigentümer der jeweiligen Revenuequelle einander als gleiche, gleichrangige und unabhängige“ (105) Revenuequellenbesitzer werden hier zu besonderen Eigentümern, die disparaten stofflichen Quellen ihres Einkommens zu besonderem Eigentum erklärt, um den Schluß zu ziehen, daß sie a l s E i g e n t ü m e r gleiche seien. So richtig ihr auf S. 93 ff. unternommener Versuch anhebt, die Bestimmungen der einfachen Warenzirkulation in „Kapital I“ als falschen Ausgangspunkt für die Ableitung des Staates zu kennzeichnen, so fehlerhaft erweist sich hier ihr Verständnis vom Verhältnis dieser Warenzirkulation zur Konkurrenz. Statt aus dem Umgang der Klassen mit ihren Revenuequellen ihre Austauschbeziehung (die im übrigen häufig erwähnt wird) zu folgern – die Einbeziehung von Revenue bedarf aufgrund der Natur ihrer Quellen dieses Bezugs der Klassen aufeinander – und die wechselseitige Anerkennung als Privateigentümer hieraus zu schließen, unterstellen sie ausgerechnet den unterschiedenen Klassen a l s s o l c h e n ein gleiches, gemeinsames Interesse. Nicht mehr aus der G e g e n s ä t z l i c h k e i t des Sonderinteresses, das jeder in der Konkurrenz verfolgt, entsteht die wechselseitige Anerkennung als Personen (a b s t r a k t freier Wille), sondern aus friedlicher G e m e i n s c h a f t l i c h k e i t. Die über den Warentausch erfahrene Abhängigkeit der R e v e n u e q u e l l e n b e s i t z e r untereinander, die MARX als Beziehung zwischen W a r e n b e s i t z e r n bereits in Kapitel 2 von Band I behandelt (in der Konkurrenz erscheinen die Bestimmungen der einfachen Zirkulation als Resultat der entwickelten Klassenverhältnisse: dies ist der Witz an der Rede von der Warenzirkulation als „Oberfläche“ des Gesamtprozesses; entsprechend den in „Kapital I“ bis zum 2. Kapitel entwickelten Kategorien von Ware und Geld existieren dort noch keine g e s e l l s c h a f t l i c h e n Unterschiede, alle sind Waren- und Geldbesitzer, während sich hier die sozial u n t e r s c h i e d e n e n Charaktere als solche aufeinanderbeziehen, um sich mit Hilfe ihres Einkommens zu reproduzieren), n ö t i g t zur Anerkennung der Agenten untereinander als Pri vateigentümer (20). Bei von FLATOW-HUISKEN ist dieser Zwang zurückgenommen; im Dasein als abstrakt-allgemeine Person erhalten die Individuen nicht eine o b j e k t i v e Bestimmung n e b e n ihrer gesellschaftlichen Besonderheit, sondern sie sind ihren s u b j e k t i v e n Interessen entsprechend Leute, die g e m e i n s c h a f t l i c h e Zwecke verfolgen. Mit ihrem ersten und entscheidenden Fehler erklären sie die „Gleichheit“ zur Chimäre der Subjekte, nicht zu einer Kategorie, die im Staat und seinem praktischen Verhältnis zu den Individuen Objektivität besitzt. Sie wähnen (!) sich in der Sphäre von Freiheit und Gleichheit, welche nun nicht mehr das Resultat einer – methodisch unzulässigen – Ausbreitung der Bestimmungen des Austauschaktes oder der einfachen Warenzirkulation ist, sondern Resultat der Entwicklung jenes Bewußtseins (!), in dem die ihrer ökonomischen Formbestimmung nach gerade als Nicht-Eigentümer, als von Eigentum los und ledig, frei (21) gekennzeichneten Lohnarbeiter nun sich selbst als stolze Privateigentümer erscheinen können.“ (108). Sie handeln sich dadurch auch die Schwierigkeit ein, daß sie zwar ein besonderes und allgemeines Interesse „abgeleitet“ haben, aber keine Notwendigkeit der T r e n n u n g beider voneinander, die als Konkurrenz (Gesellschaft) und Staat ins Verhältnis zueinander treten. Diese Schwierigkeit lösen sie dadurch, daß sie in dem von ihnen erfundenen gemeinschaftlichen Interesse aller Revenuequellenbesitzer als besonderer (so etwas wäre w i r k l i c h a l l g e m e i n e s Interesse und würde in der Tat keine Verselbständigung des abstrakt freien Willens gegen die Besonderheit erfordern, also auch keinen Staat) nur die „M ö g l i c h k e i t der Entfaltung des bürgerlichen Staates“(107) gegeben sehen.

    1. 1 Dialektik: Warum das Lachen der Antidemokratischen Aktion schon wieder zu einem Lachen über sie wird… « Theorie als Praxis Pingback am 04. September 2009 um 10:26 Uhr
    2. 2 Luftblase und/oder Aal? « Theorie als Praxis Pingback am 04. September 2009 um 10:32 Uhr
    3. 3 Was hätte eigentlich (Staats-) „Ableitung“ sinnvollerweise heißen können? « Theorie als Praxis Pingback am 05. September 2009 um 17:17 Uhr
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