Archiv für September 2008

zwei Ausgehtips gegen deutschland

Nachttanzdemo 2008 - Deutschland den Schlaf rauben! - Die Verhältnisse zum Tanzen bringen!

3.10.: Podiumsdiskussion mit gremliza, top berlin, sinistra! & gruppe 8.mai in hamburg. infos hier.

125 jahre august reinsdorf

am 28.9. vor 125 jahren wurde das niederwalddenkmal, die „germania“, bei rüdesheim am rhein eingeweiht. ein monumentales symbol deutscher einheit war geschaffen. dass jene deutsche einheit aus einem konterrevolutionären krieg gegen frankreich hervorging, der die blutige niederschlagung der pariser commune beinhaltete, hindert die frankfurter rundschau nicht daran, es durch einen historiker als „nationales friedensdenkmal“ zu bezeichnen. nun ja, unter frieden verstehen deutsche halt immer was sehr spezielles. doch die geschichte der „germania“ ist auch die geschichte der propaganda der tat des anarchismus. am tag der eröffnung plante august reinsdorf mit zwei weiteren anarchisten, den kaiser samt gefolge in die luft zu sprengen. das attentat missglückte aufgrund einer schlechten zündschnur, die aufgrund des regens aufweichte und nicht mehr ihren dienst erledigen konnte. es war eine zeit, in der nach der niederschlagung der commune die aussichten auf einen sieg der revolution äußerst schlecht standen, und sich einige anarchisten wie reinsdorf der direkten gewaltaktion zuwendeten, da eine militärische auseinandersetzung mit den offizielle heeren nicht in betracht kam. johann most war einer derjenigen, die zwar nicht selbst bomben bauten, aber mit seinem büchlein „revolutionäre kriegswissenschaften“ anleitungen zum bauen ebensolcher wie zum giftmischen und anderen dingen veröffentlichte, die mit damals frei erhältlichen zutaten zusammengeschustert werden konnten.
die haltung dahinter zeigt sich offen in der abschlussparole einer biographischen skizze reinsdorfs von most, der diese beendet mit den worten „hoch die gewalt! es lebe die soziale revolution“.
reinsdorf, der den prozess gegen ihn als bühne für anarchistische propaganda nutzte, und seine beiden genossen wurden zum tode verurteilt und hingerichtet. und so schaut die „germania“ auch heute noch über den rhein und ist laut frankfurter rundschau „kein magnet für nazis“, um auf der selben seite in einem anderen artikel zu schreiben: „gerade hatte er nämlich auch drei zwielichtige Gestalten entdeckt. Jung, kahlrasiert, mit Springerstiefeln und Nato-Hosen, Bierflaschen in der Hand. Und ein selbsternannter Touristen-Führer, ähnlich angezogen und mit einem Album in der Hand, hatte ihnen lächelnd zugenickt.“

kleiner terminhinweis

wer sich am morgigen samstag in berlin aufhält und auch mal punk hört, sollte zum jahresfest des trinkteufels gehen. deshalb: gehe nicht zu den doofen oi polloi (warum siehe in der ausgabe 1/08 von bonjour tristesse unter der überschrift „punkrock jihad“), auch wenn es anscheinend ein antifa-soli-ding ist. warum die antifa solche bands einlädt ist mir ein rätsel.

langeweile und kleine überraschungen

so liebe freund_innen der ungeduld. hier ist jetzt der angekündigte bericht der angekündigten veranstaltung über antideutsche positionen. um schon mal vorweg zu enttäuschen: die große show blieb aus. da ein anderer termin ausfiel konnte ich doch anwesend sein und berichte daher aus erster hand. anscheinend hat die veranstaltung in frankfurt eine hohe erwartung ausgelöst, bzw. entertainment-süchtige vom fernseher weggeholt, denn es fanden sich so um die 100 leute fast des gesamten spektrums im café exzess ein. zu beginn waren auch die richtigen spinner von zusammen e.v. anwesend, die sind aber ziemlich schnell wieder abgezogen. schade eigentlich, denn ursprünglich war so eine veranstaltung ihre idee, nur wollte weder die raumstation noch das exzess ein solches irrentribunal bei sich im haus haben. also gab es von dieser seite keine pöbeleien oder ähnliches, was den entertainment-faktor deutlich nach unten senkte. das podium wurde besetzt von einem vertreter der antifa f, zwei vertreter_innen des café antisistema und einer moderatorin des exzess. es begann mit einem versuch einer begriffsklärung von „antiimp“ und „antideutsch“ durch die moderatorin. in zwei, nun ja mehr schlecht als recht vorgelesenen, texten versuchte sie, eine historische herleitung der beiden positionen. antiimp aus der gefangenen- und raf-solidarität und antideutsch aus den entwicklungen nach der sogenannten wiedervereinigung. bei den antiimps wurde dann hauptsächlich die autoritäre binnenstruktur kritisiert und gegen die autonomen abgegrenzt, inhaltlich wurde aber fast gar nichts dazu gesagt. bei den antideutschen, und das war eine überraschung, wurde relativ differenziert und sachlich über die geschichte und die diversen internen spaltungen berichtet. das war so nicht zu erwarten von personen, die sich vor wenigen jahren noch eher einen arm abgehackt hätten, als mal einen genaueren blick auf antideutsche texte zu werfen. danach durften sich kurz die beiden gruppen vorstellen, dann war pause (ja es war eine ziemlich lange veranstaltung). nach der pause legte der vertreter der f ihr politikverständnis dar, hergeleitet aus einer an marx et al orientierten kapitalismuskritik, was nun nicht wirklich spannend war, aber auch keine großen aussetzer beinhaltete. wie üblich bei der f fiel die analyse unmittelbar mit einer jeweiligen praxis zusammen. dann durfte der erste vertreter des café antisistema ran und er sprach – uiuiui – über verkürzte kapitalismuskritik. und siehe da, gar nicht mal sooo schlecht. sicherlich mit einigen handwerklichen fehlern, vor allem im letzten teil, in dem er versuchte wertkritik als auf die zirkulationssphäre verkürzt zu kritisieren, was aber nur geht, wenn man selbst nur einen verkürzten blick auf die wertkritik hat, ging m.E. einiges daneben, aber sonst überraschend ok. diesen eindruck, dass sogar in den chiapas-soli-kreisen etwas theorie angekommen ist durfte dann die zweite vertreterin dieser losen vereinigung wieder zerstören. saß sie schon die ganze zeit wie die stolze mutter neben ihm, die ihm auch den jugendlichen leichtsinn und theoriequatsch mal verzeiht, so konnte sie jetzt loslegen. es folgte eine vor moral triefende aus-dem-bauch-empörte predigt über den kolonialismus, den bösen westen und die imperialistische aufklärung. ausgangspunkt war ein text von küntzel („die früchte des wahns“), dem sie erstmal argumentativ nichts entgegenzusetzen hatte, sondern anfing mit „wenn ich sowas lese, kriege ich wut“. die intention dieses textes gar nicht erfassend wurden irgendwelche emanzipatorischen strömungen in der arabischen und islamischen welt hochgehalten, ohne jedoch auf deren heutige vollkommene marginalisierung hinzuweisen. ihr prinzip legte sie dann auch offen: „ich gehe nicht von theorien aus, ich gehe von menschen aus“. ihre schlussfolgerung: menschen in ehemaligen kolonien werden unterdrückt vom kapitalistischen westen, der auf den grundsätzen der aufklärung aufgebaut ist, also ist jedes eintreten für die aufklärung imperialistisch.
so die vorlage war da, wurde aber auf dem podium nicht genutzt. stattdessen wurde das, was die positionen wirklich trennt schön umschifft. auf kritische nachfragen aus dem publikum, die versuchten, den finger in die wunde zu legen wurde ziemlich rumgeeiert. nun ja, aber auch so hat sich die vertreterin des café antisistema selbst demontiert. denn auf die frage nach dem maßstab ihres revolutionsverständnisses konnte sie nur ausweichend herumlavieren und unbestimmt von unterdrückung faseln. denn wenn sie ihre position konsequent zuende gedacht hätte, hätte sie nur zwei möglichkeiten gehabt das zu bestimmen: entweder ein klares bekenntnis zum nationalen (völkischen) befreiungskampf oder dann doch die aufklärung als emanzipation des individuums. letzteres ging ja nicht, hat sie schon abgelehnt, ersteres kann anscheinend so offen dann doch nicht mehr vertreten werden. ist ja auch was.
die diskussion mit publikum war größtenteils langweilig. nur ein highlight ist erwähnenswert. ein urgestein des exzess, schon in der vergangenheit durch allerlei unfug aufgefallen, ließ es sich nicht nehmen, den preis für den größten unsinn des abends einzuheimsen. in einer hasspredigt gegen die f behauptete er zunächst, der begriff „automatisches subjekt“ wäre in den 1920er erfunden worden (implizit meinte er, um die arbeiterbewegung zu schwächen), und der begriff der „totalität“ wäre ein genuin rechter begriff. das war verpackt in einen unglaublich dummen redeschwall gegen „massenfeindlichkeit“ und noch einiges, was ich allerdings wieder vergessen habe. aber mit ihm wollte dann doch niemand diskutieren und vom podium wurde er durch die f einigermaßen schroff abgebügelt.
fazit: ich hätte mir mehr unterhaltung gewünscht. naja, aber wenn die wirklich heißen punkte ausgespart bleiben kommt halt so eine lass-uns-mal-drüber-reden-veranstaltung raus. andererseits kommt die linke an bestimmten antideutschen positionen und kritiken nicht mehr vorbei und muss sich damit auseinandersetzen. mal schauen, ob es noch weitere veranstaltungen geben wird.

ps: ergänzungen erwünscht.