Archiv für Juni 2009

grundlagen II

da es in der frankfurter linken einige leute gibt1, die solidarisierungen mit den demonstrierenden in iran ablehnen, sobald in den aufrufen (wohlgemerkt iranischer exilorganisationen) zum sturz der islamischen republik aufgerufen wird, da dies ja dem us-imperialismus dienen würde, und deren größte angst in einer destabilisierung eben des islamistischen regimes besteht, hier zwei kurze grundlagen, von denen die erste eigentlich bei den betreffenden bekannt sein sollte:

„11. In bezug auf die zurückgebliebeneren Staaten und Nationen, in denen feudale oder patriarchalische und patriarchalisch-bäuerliche Verhältnisse überwiegen, muß man insbesondere im Auge behalten:

erstens die Notwendigkeit, daß alle kommunistischen Parteien die bürgerlich-demokratische Befreiungsbewegung in diesen Ländern unterstützen; die Pflicht zur aktivsten Unterstützung haben in erster Linie die Arbeiter desjenigen Landes, von dem die zurückgebliebene Nation in kolonialer oder finanzieller Hinsicht abhängt;

zweitens die Notwendigkeit, die Geistlichkeit und sonstige reaktionäre und mittelalterliche Elemente zu bekämpfen, die in den zurückgebliebenen Ländern Einfluß haben;

drittens die Notwendigkeit, den Panislamismus und ähnliche Strömungen zu bekämpfen, die die Befreiungsbewegung gegen den europäischen und amerikanischen Imperialismus mit einer Stärkung der Positionen der Khane, der Gutsbesitzer, der Mullahs usw. verknüpfen wollen;“ lenin

nach heutigen kriterien müssten diese leute lenin als „antideutschen rassisten“ bezeichnen. (ich mache mir die gesamtheit der aussage lenins nicht zueigen, die ausdrucksweise „zurückgeblieben“ deutet auf eine geschichtsteleologie hin, die ich nicht teile, genausowenig die wortwahl. die notwendigkeit die geistlichkeit zu bekämpfen teile ich allerdings).

und zweitens zur frage der befürchteten „destabilisierung“:

„die utopie, die aus der destruktion aller strukturen der ungleichheit, der unterdrückung, der herrschaft entsteht, das ist heute der einzig mögliche ausweg aus der sich anbahnenden vernichtung. und das heißt für den gelehrten: der gesellschaftliche konflikt muss aus seiner systemischen stabilisierungsfunktion befreit, aus aller verfassungsliebe entlassen, in seine geschichtliche würde der destabilisierung zurückgeholt werden. die verteidigung der destabilisierung gehört zur verteidigung und verwirklichung der freiheit. ‚wer behauptet, die freiheit ernsthaft zu wollen und gleichzeitig alle destabilisierende tätigkeit bekämpft, widerspricht sich selbst (geymonat)“ (agnoli, destruktion als bestimmung des gelehrten in dürftiger zeit)

agnoli ordnet diese zeilen noch ein, indem er davor warnt, den furor teutonicus die begleitmusik zur destabilisierung spielen zu lassen. stattdessen benötigt diese den basso continuo der ironie.

daraus folgt: die möchtegernstabilisierer islamistischer herrschaft frankfurter provinienz verstehen weder was von freiheit noch von ironie noch von lenin.

  1. diese verlautbarungen wurden bisher per mailingliste gemacht. ich zitiere die nicht, da ich keine lust hab, die jetzt rauszusuchen. es geht auch mehr um das paranoide aussagenmuster. [zurück]

grundlagen I

da es ja im zuge der proteste in iranischen städten einige diskussionen mit gsp-jüngern gab, die selbstredend zu nichts führten, hier mal die grundlagen des gsp. damit sich zukünftig der unsinn erspart werden kann.

die vier grundlagen des gegenstandpunkts:

* sola scriptura – allein die schrift ist die Grundlage des gsp-Glaubens
* solus versus animus – allein der gsp hat autorität über gläubige (alle anderen sind eh ungläubige, äh „argumentlos“)
* sola gratia – allein durch Gnade des gsp wird der Mensch errettet („wenn du das argument verbreitest“)
* sola fide – allein durch den Glauben an DAS argument (s.u.) wird der revolutionär gerechtfertigt

weitergehendes:
die konkrete realität wird unter den gsp-begriffsapparat subsumiert. sollte die konkrete realität dummerweise vom begriffsapparat nicht erfasst werden können, ist dies kein fehler des begriffsapparats, sondern ein fehler der realität.

daraus folgt: allein die tautologie ist revolutionäre kritik : herrschaft ist herrschaft ist herrschaft. alles andere ist oberfläche.

daraus folgt: demokratie ist die schlimmste aller herrschaft, da auf ihrer oberfläche freiheit erscheint. da nun die zerstörung der oberfläche programm der gsp-bewusstseinsphilosophie ist, um den klassencharakter des staates zu enttarnen, ist die (faschistische) diktatur nur die praktische umsetzung der gsp-philosophie.

insofern ist begriffsbildung und kritik in gsp-manier vollkommen abgekoppelt von ihren gesellschaftlichen bedingungen.
der maßstab der kritik ergibt sich daher aus dem entworfenen begriffsapparat selbst. jeglicher andere maßstab muss als moralisch diskreditiert erachtet werden. aber, da der maßstab sich quasi selbst setzt, muss der damit ideelle maßstab mit dem verweis auf „das argument“ (die tautologie herrschaft ist herrschaft….) verteidigt werden. die subsumtion unter den abstrakten begriff wird selbstzweck und zum argument mit metaphysischer weihe. hier schließt sich der kreis.

viel spaß beim weiterdrehen, ihr idealistischen brummkreisel.

was machen eigentlich studierende heute so?

„ich hab keine zeit. ich muss nachher zum fundraising-stammtisch“ (so eine studierende beim rausgehen aus der bibliothek).

was ist ein fundraising-stammtisch? drittmitteleinwerbung zum saufen? die lebenslaufkompatible umschreibung eines trinkgelages („2 jahre erfahrung im fundraising und erfahrung im unterdentischtrinken von verhandlungsspartnern“)? die perfekte synthese aus flexiblisierten subjekten und gemeinschaftssehnsucht? oder angepasste dummheit?