auf der höhe der zeit?

kleiner bericht der vorstellung der …umsganze-broschüre „staat, weltmarkt und die herrschaft der falschen freiheit“ in frankfurt.

das umsganze-bündnis hat ja, wie seit geraumer zeit bekannt, die erste von drei geplanten broschüren kürzlich herausgebracht. nun wurde diese von der autonomen antifa f vorgestellt. zunächst wurde das ziel des selbstverständigungsprozesses in broschüren- und veranstaltungsform genannt: das infragestellen vermeintlicher linker gewissheiten um eine kritik auf der höhe der zeit zu formulieren. die floskel „auf der höhe der zeit“ wurde überstrapaziert und ersetzte, soviel vorweg, eine konkret empirische auseinandersetzung mit der gegenwärtigen zeit, auf deren höhe ja die kritik sein sollte.
neun thesen wurden vorgestellt:
1) im zentrum der kritik steht der sich selbst verwertende wert, was als das ökonomische begriffen wurde und dies noch mit den begriffen tausch und konkurrenz charakterisiert wurde. das politische wurde bestimmt als allgemeine regulation des ökonomischen prozesses. mit dem politischen sei auch die nationale subjektivierung gesetzt.

2) der staat ist der ort der allgemeinen politischen regulation

3) der staat ist also gesellschaftsplaner/ u.a. mittels des instruments (sic!) des rechts. der staat macht und tut nach innen und außen alles um der aufgabe der regulation zu entsprechen.

4) daraus folgt ein interesse des staates an sich selbst. (die begründung dafür habe ich irgendwie verpasst, es war auf jeden fall nicht im sinne offes, der dieses interesse des staates an sich selbst ja mit dem theorem der strukturellen selektivität verknüpft hatte, wenn ich mich richtig erinnere. da muss wohl viel banaler argumentiert worden sein.)

5) der weltmarkt beschneidet die möglichkeiten des staates zur allgemeinen politischen regulation

6) staat bringt seine staatsbürger in ein boot. „objektiv“, da alle im wettbewerb stehen.

7) nationalismus ist das subjektive nachvollziehen der objektiven zwangslage

8) nicht alles ist von der ökonomie ableitbar, sondern hängt von der stellung im weltmarkt ab (ja das wurde so formuliert)

9) daraus folgt als praxis: dilemma der politik benennen, der abschied von der kritik des spezifischen deutschen nationalismus, was sinngemäß damit begründet wurde, dass jetzt vielmehr ein europäischer nationalismus herrsche, der völkische wäre vergangenheit, damit könne man es auch sein lassen „mit moralischer empörung“ auf auschwitz hinzuweisen.

folgende main points of critique wurden formuliert:

a) diese theorie kennt keine realen widersprüche, sondern ist eine funktionalistische ableitung des staates aus der konkurrenz
b) aufgrund der unkenntnis der dialektik wird der gesellschaftliche prozess der subjekt-objekt-bewegung einseitig im objekt aufgelöst. dazu passt, dass kein begriff des subjekts entwickelt wird, sondern das subjektive nur als nachgeordneter reflex des objektiven behandelt wird. der tod des subjekts wird proklamiert.
c) die broschüre ist nicht nur geschlechterblind, sondern rutscht ins tendenziell antifeministische ab, indem die patriarchalen strukturen der gesellschaft nochmals unreflektiert in den theoremen der broschüre ungebrochen sich ausdrücken (frauen als reine manövriermasse der nationalökonomie).
d) „rasse“; kultur, religion und geschlecht als kollektive identitäten aufzufassen (wird in der broschüre gemacht) ist hanebüchener unsinn.
e) sie versuchen eine abstrakte kritik zu entwerfen, ohne sich über den stellenwert des abstrakten in ihrem logischen gefüge bewusst zu sein. daraus folgt, dass das verhältnis zwischen historisch-konkreter bewegung und abstrakten bestimmungen zugunsten letzterer aufgelöst wird, das historisch-konkrete bleibt den abstrakten funktionen nachgeordnet und reflex.
dieses sei zurückzuführen auf die falsche bestimmung der ökonomie als konkurrenz. denn die wesentliche begründung des historischen materialismus, bei der wirklichen tätigkeit der menschen zu beginnen, und damit die spezifische form der ausbeutung im kapitalismus zu begreifen, wird links liegen gelassen und nicht weiter beachtet. der abstrakte konkurrenzkapitalismus ist, wenn man umsganze folgen würde, einer ohne ausbeutung.
f) zudem bestimmen sie am ende auch auschwitz als erklärbar mittels kapitalistischer rationalität. der ns wird so zum exzess der konkurrenz, aber die differentia specifica, das umschlagen der zweckrationalität in den unbegreifbaren industriellen massenmord wird gar nicht mehr versucht zu denken. stattdessen fällt das linksradikale bündnis in konservative positionen der prinzipiellen erklär- und vergleichbarkeit von auschwitz zurück.

fazit: kritik auf der höhe der zeit nach umsganze-art, heißt anscheinend, abstrakte bedingungen zu hypostasieren, die bürgerliche ideologie der standortkonkurrenz so wörtlich zu nehmen und daraus abzuleiten, dass das alte nicht mehr zählt und jetzt eine neue zeit begonnen habe. eine linksradikale schlussstrichtheorie, die überhaupt keinen begriff von geschichte hat, keine ahnung vom verhältnis des logischen zum historischen und im prinzip als konsequenz ihrer eigenen theorie von jeglicher praxis abstand nehmen müsste, da emanzipatorische praxis unbegründbar bleibt, wenn alles nur nachgeordneter reflex der abstrakten funktionalität sei.


18 Antworten auf „auf der höhe der zeit?“


  1. 1 derivat 26. Juli 2009 um 17:05 Uhr

    noch eine kleine fußnote zur rückkehr des hauptwiderspruchs in der affirmation der deutschen normalität:

    i Dieser Text verwendet bei Gattungsbegriffen das grammatische Maskulin. Wir sind uns der Diskussion um die sprachliche Repräsentation anderer geschlechtlicher Identitäten bewusst, vertreten dazu aber keine einheitliche Position.

    … und finden das ganze auch nicht so wichtig und benutzen deswegen halt weiter die vorherrschenden normativen formen.
    Fußnote i) aus Ums Ganze: “Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit”

  2. 2 w 02. August 2009 um 19:31 Uhr

    klingt streckenweise krass nach gsp-standards.
    wurde denn auf die vorgetragene kritik geantwortet, und wenn ja wie? gerade hinsichtlich der „moralischen empörung“ und der geschlechterblindheit.

  3. 3 Kackbratze 5 02. August 2009 um 23:01 Uhr

    @ w

    Dein Gesicht klingt klingt streckenweise krass nach gsp-standards

  4. 4 bigmouth 02. August 2009 um 23:11 Uhr

    sich aus der angeblichen unbegreifbarkeit von auschwitz so einen popanz zu basteln – was soll das? dass ist doch groteske antikritik!

  5. 5 Prüfi 03. August 2009 um 8:47 Uhr

    klingt streckenweise krass nach gsp-standards.

    Ich kann Dich beruhigen, es sind da keine GSP-Standards zu finden, aber wir arbeiten dran.

  6. 6 overdose 03. August 2009 um 9:35 Uhr

    @w: nun ja, teilweise wurde ein wenig zurückgerudert, allerdings eher nach dem motto „die formulierung ist unglücklich, weil eigentlich meinen wir es ja anders“. oder halt gesagt, dass die kritik nicht zutreffe. insbesondere, geschlecht als kollektive identität zu begreifen wurde verteidigt. oftmals hatte ich den eindruck, dass die kritik nicht richtig verstanden wurde.
    und es klingt zwar nach gsp-standards, aber die argumentation ist doch noch verschieden. da liegt prüfi ausnahmsweise mal richtig.

    @kackbratze: gutes argument!

    @bigmouth: weshalb groteske antikritik? keine grenze des begriffs anzuerkennen, heißt doch letztlich, allem eine irgendwie geartete vernunft zu unterstellen.

  7. 7 Thiel Schweiger 04. August 2009 um 2:08 Uhr

    Hm, sonderlich aufschlussreich finde ich diese kurze Auflistung aber nicht und auch die Kritikpunkte kommen mir – in dieser Kürze dargelegt – nicht sonderlich treffend vor.

    Naja, nun werde ich mir die 74 Seiten wohl doch durchlesen müssen, um endlich auf die Höhe der Zeit der zu kommen. (-;

  8. 8 7up 11. August 2009 um 23:09 Uhr

    Interessanterweise hat die sinistra! jetzt auch eine eigene überarbeitete Fassung der Umsganze-Broschüre veröffentlicht. Sehr interessant…

  9. 9 7up 11. August 2009 um 23:13 Uhr
  1. 1 meta.©opy®iot.com | “Ums Ganze”: Die Rückkehr des Hauptwiderspruchs in der Affirmation der deutschen Normalität Pingback am 28. Juli 2009 um 12:23 Uhr
  2. 2 Wartezeit überbrücken … :: (Unter)Strich statt Höhe :: August :: 2009 Pingback am 02. August 2009 um 19:29 Uhr
  3. 3 meta.©opy®iot.com | (Unter)Strich statt Höhe Pingback am 03. August 2009 um 1:21 Uhr
  4. 4 Heute gelesen (8.8.) « Theorie als Praxis Pingback am 08. August 2009 um 9:07 Uhr
  5. 5 » Blog Archive » WEDER THEORIE NOCH PRAXIS Pingback am 13. August 2009 um 17:36 Uhr
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