Archiv für November 2009

indeterminate revolution! kongress in frankurt 27.-29.11.09

Der Kongress könnte ein Forum sein kritisch über Spannungsfelder, Grenzen und Möglichkeiten der Revolution nachzudenken. Was kann das Konzept Revolution heute noch bedeuten? Welche Formen von Revolution gibt es eigentlich? Wie grenzen sich diese von anderen Weisen sozialer Veränderungen wie der Reform oder der Subversion ab? Worin unterscheidet sich die Revolution von der Utopie? Gibt es eine spezifische Zeitlichkeit von Revolution? Was passiert danach? Wie können wir über historische Revolutionen sprechen und nachdenken und lassen sich diese aktualisieren? Ist Revolution im Angesicht der „Trümmer der Vergangenheit“ überhaupt noch denkbar? Wohin mit den scheiternden Revolutionen? Wie kann man über das Leid und den Terror vergangener Revolutionen sprechen, ohne das in ihnen entfachte Begehren nach einer ganz anderen Welt zu diskreditieren? Wie ist das Verhältnis von Revolution und Gewalt? Ist eine Revolution ohne Gewalt überhaupt denkbar? Braucht Revolution eine Avantgarde? Wer ist das revolutionäre Subjekt? Welche Rolle spielen vergangene Revolutionen in der Theoriebildung und politischen Praxis heute? Wie wurde und wird der Begriff der Revolution theoretisch diskutiert? Was wird heute unter revolutionärer politischer Praxis verstanden?

Indeterminate! verstehen wir als Aufruf, Unhinterfragtes zu hinterfragen – als Möglichkeit, den Begriff von Revolution selbst zu revolutionieren.

den gesamten aufruf sowie das programm findet ihr auf der kongress-page: indeterminate revolution

antisemitismus entgegentreten

am 13.12. findet in hamburg eine demonstration aufgrund der verhinderung der vorführung des films „warum israel“ vor einigen wochen statt. im folgenden der aufruf:

antisemitische schläger unmöglich machen – auch linke

Am Sonntag, den 25.10.2009, verhinderten Antisemitinnen und Antisemiten gewaltsam eine vom Hamburger Programmkino b-movie und der Gruppe Kritikmaximierung geplante Vorführung von Claude Lanzmanns Film »Warum Israel«.

Mitglieder des »Internationalen Zentrums« B5, der Gruppe »Sozialistische Linke« (SoL) und der »Tierrechtsaktion Nord« (TAN), die sich mit Mundschutz und Quarzsandhandschuhen auf eine körperliche Auseinandersetzung vorbereitet hatten, verweigerten den Gästen den Zugang ins Kino. Besucherinnen und Besucher wurden dabei gezielt ins Gesicht geschlagen und als „Schwuchteln“ und „Judenschweine“ beschimpft. Auch in den Tagen darauf wurden Gäste, die von Blockadebeteiligten auf der Straße wiedererkannt wurden, bedroht und, in mindestens einem Fall, auch tätlich angegriffen.

In einer offiziellen Stellungnahme rechtfertigte die B5 die Gewaltausbrüche inhaltlich und tat sie als „kleinere Rangeleien“ ab. Diese Erklärung strotzt abermals vor antisemitischen Klischees: So wird etwa „der Zionismus“ als „rassistisches Projekt“ bezeichnet, mittels dessen „künstlich der jüdische Charakter gewahrt werden“ solle. Denn als künstlich gilt der antisemitischen Denkweise immer das jüdische, als natürlich aber alle anderen Völker.

Wir halten es für unerträglich,

* dass ein Kino sein Programm vom Wohlwollen einer benachbarten Aktion Saubere Leinwand abhängig machen soll;
* dass Linke sich als antisemitischer Kampftrupp formieren, um missliebige Veranstaltungen zu Israel zu unterbinden;
* dass ein Film von Claude Lanzmann, französischer Jude, Résistancekämpfer und Regisseur von »Shoah«, der bedeutendsten Dokumentation über die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, in Deutschland zum Angriffsziel einer militanten Blockade werden kann.

»Warum Israel« (1973) zeigt nicht bloß die verschiedenen Facetten der israelischen Gesellschaft. Es geht darin, aus der Perspektive eines Diasporajuden, um die Bedeutung des jüdischen Staates als Konsequenz aus der Shoah. Wer, wie die B5, die Vorführung eines solchen Films als „Provokation“ versteht, der nur mit Gewalt beizukommen sei, steht auf der Seite der Barbarei.

Dieses Spektrum ist seit Jahren dafür bekannt, seinen Antisemitismus gewaltförmig auszuleben. Es sind die gleichen, die sich 2002 mit Gewalt Zutritt zum Freien Sender Kombinat (FSK) verschafften und dort einen Kritiker ihres Israelhasses fachmännisch zusammenschlugen; die auf einer antifaschistischen Demonstration im Januar 2004 die Trägerinnen und Träger eines Transparents »Deutschland denken heißt Auschwitz denken« von der Kundgebung prügelten; die seither bei zahlreichen Gelegenheiten Menschen, die Israelfahnen oder -buttons trugen oder aus anderen Gründen nicht in ihr Weltbild passten, bedroht, geschlagen oder mit Flaschen und Steinen beworfen haben.

Was es diesen Gruppen um die B5 bislang stets erlaubt hat, ihre Übergriffe weiter fortzusetzen, ist die Tatsache, dass sie von der Mehrheit der Linken und Alternativen entschlossene Gegenwehr nicht zu fürchten hatten. Kaum jemand der Linken steht ausdrücklich auf ihrer Seite; aber allzu viele waren dennoch bereit, ihnen ihr Plätzchen im Bündnis, auf dem Stadtteilfest oder sonst wo in der Szene freizuhalten.

Weil wir wissen, dass es ebenso verantwortungslos wie gemeingefährlich wäre, Antisemitinnen und Antisemiten gewähren zu lassen; weil wir wissen, dass die Schlägerinnen und Schläger mit jedem Erfolg nur stärker werden – daher halten wir es für unabdingbar, dass am 13.12., bei der Neuansetzung von »Warum Israel« im b-movie, der Film auf jeden Fall gezeigt wird.

Um die Angreiferinnen und Angreifer vom 25.10. politisch zu isolieren und eine Wiederholung ihres antisemitischen Gewaltspektakels zu verunmöglichen, rufen wir für diesen Tag zu einer Demonstration zum b-movie auf.

Auftaktkundgebung: 13.30 vor der Roten Flora
Abschlusskundgebung: 15.00 vor dem B-Movie

(Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten, 18.11.09)

weitere infos gibt es hier und auch bei cosmoproletarian solidarity

am rande: bolz und die aufklärung

in einer serie zur „sozialen frage“ oder zum „sozialstaat“ in der frankurter rundschau erklärt der professor norbert bolz das regierungshandeln von 1873 bis 1970:

Das liberale Laisser-faire endete nämlich schon 1873 mit dem Wiener Börsenkrach. Seither begannen die Regierungen zu regulieren. Sie entwickelten Schutz- und Sicherheitspläne, am prominentesten Bismarck mit seiner Erfindung der Sozialversicherungen. Hundert Jahre lang, auch durch die schreckliche Zeit der Weltkriege und des Schwarzen Freitags hindurch, durfte sich Regierungshandeln als Aufklärung des Kapitalismus begreifen.

Erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erlosch diese „progressive“ Stimmung: der „Öl-Schock“, das freie Floaten der Leitwährung Dollar seit Richard Nixon und die Stürme der Studentenbewegung zeigten an, dass wir in eine Welt des beweglichen Ungleichgewichts eingetreten sind, in der nur die Ungewissheit gewiss ist.

interessant. nationalsozialismus, faschismus, franco-regime: alles regierungshandeln als aufklärung des kapitalismus.
wie kommt man auf so einen unsinn?

veranstaltungstips

wer morgen nachmittag (also montag 2.11.) noch nix zu tun hat, dem_der seien drei veranstaltungen im ivi empfohlen:

16h
Workshop: Das Forschungsprojekt “Staatsprojekt Europa”. Mit Sonja Buckel und Jens Wissel

Das Forschungsprojekt untersucht die Veränderungen politischer Herrschaft durch die Europäisierung und Transanationalisierung von Staat und Recht am Beispiel der Migrationskontrollpolitik der EU. Dabei betrachteten wir diese Veränderungen aus drei Perspektiven: 1. den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen, 2. den staatlichen sowie den 3. rechtlichen Praxen dieses Prozesses jeweils in den Ländern BRD, Großbritannien und Spanien. Dabei soll die Analyse der Widersprüche des europäischen Grenzregimes zugleich ein Beitrag zu einer kritischen Europaforschung sein. In der gemeinsamen Diskussion wollen wir unsere theoretischen Prämissen und methodischen Vorgehensweisen vorstellen. www.staatsprojekt-europa.eu

18h
Zur Kritik der Broschüre „Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit“ des umsGanze-Bündnisses. Vorstellung der Ergebnisse einer Arbeitsgruppe im ivi
Nach Veröffentlichung der Broschüre „Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit“ des umsGanze-Bündnisses gründete sich im IvI eine Arbeitsgruppe, um sie zu diskutieren. Grundsätzlich begrüßen wir die Veröffentlichung, weil sie nach langer Zeit den außerinstituionellen Versuch darstellt, eine inhaltliche Auseinandersetzung um Staat und Formen unpersönlicher Herrschaft zu führen. Das Ergebnis halten wir allerdings an vielen Punkten für unzulänglich und kritikwürdig. Vorgestellt wird daher die vielfältige Kritik, die nun nicht als einheitliche Linie daherkommt, sondern aus verschiedenen Perspektiven und Theorieansätzen formuliert wird. Zugleich werden die verschiedenen Texte zur Kritik der Broschüre ebenfalls als kleine Broschüre veröffentlicht. In der Veranstaltung sollen die Hauptkritikpunkte thesenartig vor- und zur Diskussion gestellt werden.

Referent_innen: ivi

19h
kantine: konkretes essen für kleines geld.

20h
Zum Begriff der Totalität bei Adorno – Vortrag von Thomas Zoeller

Der Begriff der Totalität ist einer der schwierigsten und schillerndsten der kritischen Theorie. Zugleich ist Totalität auch der mit am häufigsten angegriffene, sei es von positivistischer Seite oder von denjenigen Theorien, die gar keine „große Erzählung“ mehr zulassen möchte.
Mit diesem Vortrag soll sich über die Bezüge insbesondere zu Hegel Adornos Totalitätsbegriff genähert werden.

der gegenstandpunkt und die kritische theorie

nur ganz kurz und nebenbei:
zufällig bin ich mal wieder durch die blogwelt gestolpert (gewilft, wie der fachausdruck wohl ist) und bin dabei auf eine große debatte gestoßen, deren anlass ein noch größerer vortrag von peter decker zur kritischen theorie ist. besserscheitern macht prinzipiell das einzig richtige, und erteilt dem schwachsinn des herrn decker eine absage. aber wie es so ist, kommt ein „argumentprüfer“ um die ecke und nörgelt herum. dabei trifft diesen argumentprüfer eine „kritik“ des herrn decker an der kritischen theorie: er geht vorurteilsbeladen an den gegenstand. denn sonst müsste er ja mal die „argumente“ des herrn decker prüfen. tut er aber nicht. er glaubt ihnen. obwohl doch ein kurzer blick auf den zitatezettel zur veranstaltung schon genügt, um etwas ganz einfaches festzustellen: der herr decker kann nicht zitieren1 und er kann auch zeitabfolgen nicht richtig sortieren. er legt sich also alles so hin, wie er es will. da braucht auch der vortrag (den ich mir ca 15 minuten anhörte, bevor ich es mit einer mischung aus lachen und angewidert sein ob soviel dummheit wieder ausmachen musste), nicht gehört zu werden.
trick 1: der zitatezettel hebt an mit der überschrift „1. Darf man nach Auschwitz noch philosophieren? Und wenn ja, wie?“ und bringt zur illustration zwei zitate, eins von adorno aus der negativen dialektik und eins aus von horkheimer aus dem aufsatz „die gesellschaftliche funktion der philosophie“, den er 1940 veröffentlichte. moment. philosophie nach auschwitz, darüber dachte horkheimer also 1940 nach? merkwürdig, geht doch gar nicht. also geht es decker gar nicht um die frage der philosophie nach auschwitz. zugleich unterstellt er dem satz von horkheimer („Die wahre gesellschaftliche Funktion der Philosophie liegt in der Kritik des Bestehenden“) seinen eigenen begriff des „bestehenden“, denn nur so kann er zu dem quatsch kommen, ob denn auch ein kaltes bier zu kritisieren sei. anstatt also zu erläutern, was denn horkheimer mit dem bestehenden meint, unterstellt ihm decker das, was ihm in den kram passt.
trick 2: er erwartet von der „dialektik der aufklärung“ ganz offensichtlich eine eindeutige definition von „aufklärung“. bzw. er nimmt seinen eigenen begriff von aufklärung und versucht – freilich ohne das zu sagen – mithilfe seines begriffs nun das einleitungskapitel über den begriff der aufklärung zu verstehen. das geht selbstverständlich in die hose und lässt die kritischen theoretiker natürlich dumm dastehen. decker schafft es also, seine eigene dummheit als die von anderen erscheinen zu lassen.
anstatt also den begriff der aufklärung zu entfalten, wird der eigene unterstellt und mit den zitaten konfrontiert. so kann decker dann naturbeherrschung von sowohl von ihrer gesellschaftlichen form als auch von der aufklärung abkoppeln und aufklärung als rein geistiges bestimmen, was sowohl marx als auch der kritischen theorie widerspricht.
bis dahin hab ich es also gehört und festgestellt, decker hält eine fröhliche erzählstunde, die allerdings die aussagen der kritischen theorie überhaupt nicht erfasst, sondern sein urteil dreht sich gegen ihn selbst. er verbreitet sein eigenes vorurteil.

diskussionen gibts da:

http://besserscheitern.wordpress.com/2009/10/25/1304/
http://geprueftesargument.blogsport.de/2009/10/29/die-kritische-theorie-und-ihre-glaeubigen-adepten/

zitate und vortrag von decker da lang:
http://www.sozialreferat.com/zitate_krittheorie.htm

  1. so wird aus einem „für“ schon mal ein „als“, aus dem diktum „das ganze ist das unwahre“ wird „das ganze ist das falsche“. das ist nicht nur schludrig gearbeitet, sondern zugleich auch noch irreführend, da die sätze somit auch entstellt werden. [zurück]