Besetzung und Räumung der Schumannstraße 60

„Eine Gesellschaft, in der die bewaffnete Staatsmacht dafür sorgt, dass ein Haus seinen menschlichen Zweck nicht erfüllt, ist offenkundig verrückt, und sobald die Proletarisierten im Bild dieses Polizisten das Wesen der Gesellschaft erkennen, könnte die Geschichte eine unerwartete Wendung nehmen.“
freundinnen und freunde der klassenlosen gesellschaft

Gestern Nachmittag, im Anschluss an eine studentische Vollversammlung, die wohl hauptsächlich auf Grund der Wohnungsnot einberufen wurde, besetzte die Initiative schlaflos in frankfurt eine seit 5 Jahren leer stehende Villa in der Schumannstraße im Frankfurter Westend. Objekt und Zeitpunkt schienen gut gewählt. Das Haus ist nicht in Privatbesitz, sondern gehörte früher der Uni und wird mittlerweile vom Land Hessen verwaltet. Zugleich gibt es in Frankfurt seit längerem eine Öffentlichkeit für die prekäre Wohnsituation wie auch für die Veränderung von Stadtteilen durch beispielsweise krasse Mieterhöhungen (so gibt es in der Frankfurter Rundschau eine Serie darüber). Der letzte Wahlkampf in Frankfurt hatte genau das auch im Zentrum, bei dem selbst die CDU mit „Freiraum für Alle“-Plakaten warb. Am Morgen vor der Vollversammlung gab das Präsidium der Uni noch eine Pressemitteilung raus, in der dafür geworben wurde, „unbürokratisch und kurzfristig preiswerten zusätzlichen Wohnraum für unsere Studierenden zur Verfügung“ zu stellen.
Die Besetzung selbst verlief dann friedlich und relativ problemlos. Die Einschätzung der Aktivist_innen war, dass zumindest in der ersten Nacht nicht mit einer Räumung zu rechnen sei. Erste Reparaturarbeiten wurden durchgeführt, sehr viele Leute kamen und solidarisierten sich, brachten Essensspenden, alles lief ganz gut. Der Pressesprecher der Polizei sagte gegenüber der Presse, dass die Räumung nicht geplant sei. Während diese Aussage dann auf der hr-online-Seite um 23:34 eingepflegt wurde, war die Räumung allerdings schon im Gang.
Der AK Recht dazu:

„Die Räumung begann 20 Minuten, nachdem der Pressesprecher der Frankfurter Polizei, Alexander Kießling, in Interviews u. a. mit der Frankfurter Rundschau und dem Hessischen Rundfunk behauptete, „kein Interesse an einer Eskalation“ zu haben. Er verwies außerdem darauf, dass die Aktion „friedlich verlaufen“ sei. und eine Räumung bisher nicht geplant sei. Die Polizei hatte Ansprechpartner_innen innerhalb des Hauses, ein Handykontakt stand zur Verfügung. Trotzdem fuhren ohne Ankündigung plötzlich ca. 60 Einsatzwagen vor. Eine Eskalation von Seiten der Aktivist_innen hatte es nicht gegeben.

Im Haus kam die Meldung „die Bullen sind da“ daher auch ziemlich überraschend. Während ein Teil der Leute das Haus verließ und sich davor sammelte, verblieb ein anderer Teil im Haus. Vor dem Haus sprach die Polizei sofort einen generellen Platzverweis aus, drohte unmittelbare Gewalt an und begann die Leute wegzudrücken, zu schubsen und offensichtlich auch zu schlagen. Es ist immer wieder toll, das blöde Grinsen eines gewalttätigen Staatsbüttels zu sehen, wenn er auf Protestierende einschlägt. Auch groß war der „Communicator“-Bulle, der während des „Vorgangs“ auf die erste Reihe der Protestierenden einschwätzte, bis es ihm zu bunt wurde, und er auch fröhlich anfing Menschen anzugreifen, um sich direkt danach hinter die Linie der beschilderten zurückzuziehen. Ein anschauliches Beispiel staatlicher Kommunikation.
An die 90 Menschen wurden festgenommen. Während die Polizei die im Haus Verbliebenen rausholte und festnahm kam eine Gruppe von Occupy-Frankfurt vorbei. Ein weiteres Highlight des Abends. Diese Trottel entblödeten sich nicht, während die Räumung in vollem Gange war, sich hinzustellen und per Megaphon durchzusagen (ich hab leider nicht alles verstanden), dass das Haus ja jetzt leer sei (wie gesagt, man konnte das Gegenteil beobachten), und die Polizei ja auch nur ihre Arbeit mache, man die Straße verlassen und man sich doch dem Camp vor der EZB anschließen solle. Der Megaphon-Man war Wolfram Siener, das „Gesicht der Bewegung“ (alle Medien). Was für unsolidarische Arschlöcher. Geht mit euren Zeitgeist-Antisemitenfreunden spielen, ihr Honks.

Im Anschluss an die Räumung verhinderte die Polizei dann noch, dass eine Spontandemonstration durchgeführt werden konnte. Hierzu nochmals der AK Recht:

„Der Umgang der Polizei mit der anschließenden spontanen Solidaritätsdemonstration war ebenfalls geprägt von Gewalt und Rechtsverstößen. So wurde die Demonstration sofort von allen Seiten eingekesselt und mit Schlagstöcken und Fausthieben angegriffen. Mehrere Personen, die die Demonstration von außen beobachteten, wurden von Einsatzkräften in den Kessel geprügelt. Der Demonstrationszug wurde sofort am Weiterziehen gehindert. Da eine Durchführung der Demonstration unter diesen Umständen nicht möglich war, wurde sie schließlich aufgelöst. Im Anschluss daran wurde das Areal des Campus Bockenheim von Polizeikräften umstellt.“

Während also sehr viele Menschen auf Suche nach bezahlbarem Wohnraum sind, überall Obdachlose ihr Leben auf der Straße fristen müssen, gibt es auf der anderen Seite eine große Zahl an leer stehenden Häusern. Der Kreisverband der Linken in Frankfurt hat eine Übersichtseite über den Leerstand eingerichtet. Dort sind auf einer Karte allein im Innenstadtbereich 62 leere Häuser eingezeichnet. Dazu kommen noch die unzähligen leer stehenden Bürogebäude, beispielsweise in Niederrad. Die Verrücktheit der Gesellschaft, die Häuser mittels Polizeigewalt die Erfüllung des menschlichen Zwecks von Häusern verhindert, wie es oben im Zitat der Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft steht, wird in Frankfurt ganz offensichtlich. Zu hoffen wäre, dass der Skandal der Räumung nicht durch die Aktivitäten der Occupy-Bewegung medial untergeht und die Besetzung eine angemessene politische Nachbetrachtung findet.

Solidarität mit den Festgenommenen.

Laut der Website der Aktivist_innen gibt es heute Abend um 19h eine Solidemo. Treffpunkt: Koz, Uni-Campus. Geht hin.

informiert euch:
http://schlaflosinfrankfurt.blogsport.de/


15 Antworten auf „Besetzung und Räumung der Schumannstraße 60“


  1. 1 egal 21. Oktober 2011 um 12:29 Uhr

    und man sich doch dem Camp vor der EZB anschließen solle

    mehr konnte er auch zum glück nicht sagen (ich glaube er wurde sogar von seinen mitcampern angegangen)

  2. 2 Lassi 21. Oktober 2011 um 14:28 Uhr

    Die „Honks“ sind Siener (der es immer noch nicht gemerkt hat das die Bewegung keinen Sprecher möchte) und die bescheuerte Presse die mit Absicht diese Menschen als Köpfe formiert. Ich hoffe seine „Mitcamper“ haben ihm mal richtig in den Arsch getreten für diesen Schwachsinn. … Was mich ein wenig wundert, hat denn keiner den Polizeieinsatz gefilmt?

  3. 3 jo 21. Oktober 2011 um 15:09 Uhr

    ist klar ..mit den worten des friedens im mund, die faust ins gesicht schlagend
    ich erwarte ja nicht mehr von der polizei warum erwarten andere immer mehr von ihr?

  4. 4 f 21. Oktober 2011 um 19:06 Uhr

    welch wundersamen wendungen in einer welt der sich stets selbst entlarfend erfüllenden selffullfilling prophecie…kuss!

  5. 5 w 21. Oktober 2011 um 22:27 Uhr

    „Geht mit euren Zeitgeist-Antisemitenfreunden spielen, ihr Honks.“
    Wenn aber doch irgend ein Depp das Megafon hat, und wenn da welche irgendwelche Transpis haben mit Gold Sachs blabla..
    Wenn ihr n Haus besetzt. Was und wenn macht das dann zum besseren Hatern?
    Geht doch alle mal n bisschen in die Natur (und bleib mal aufm Boden lieber Moderator)

    Ansonsten Tolle Aktion!!!

  6. 6 overdose 22. Oktober 2011 um 12:08 Uhr

    @w: ??? was willst du damit sagen? deine sätze machen keinen sinn. und welcher moderator soll auf welchem boden bleiben? und was erwartet „uns“ in der „natur“? und was sollte ich da?
    „ekel, ekel, natur, natur – ich will beton pur!“

  7. 7 w 22. Oktober 2011 um 13:12 Uhr

    Entspann dich mal n bisschen, hab ich ganz unentspannt geschrieben. Na als wenn da auffällig viele Antisemtien bei der EZB sind (Betonung auf „auffällig viele“). Natürlich ist eine/r schon too much. Ich hab nur manchmal das Gefühl, Probleme lassen sich auch mal schneller herbeireden als se laufen und können.

  8. 8 ddflies 22. Oktober 2011 um 21:10 Uhr

    […],
    … grüße ans kopfsteinpflaster. und mucho mucho glück für euch.

  9. 9 w 23. Oktober 2011 um 12:56 Uhr

    hej, hier hat jemand meinen guten namen/buchstaben für wirro-phrasen okkupiert (chor: „hej, hier hat jemand meinen guten namen/buchstaben für wirro-phrasen okkupiert“) – ich bin empört! (chor: „– ich bin empört!“).

  10. 10 w 23. Oktober 2011 um 14:00 Uhr
  11. 11 overdose 23. Oktober 2011 um 15:21 Uhr

    hey waity,
    das warst nicht du? :)
    grüße nach wo auch immer du dich aufhälst.

  12. 12 w 23. Oktober 2011 um 21:39 Uhr

    meinst du, die klarstellung war überflüssig?
    :)

    solidarische und kraftvolle grüße aus dem nordosten,
    frankfurt bleibt rot!

  13. 13 d 23. Oktober 2011 um 22:03 Uhr

    Also ich würde hier gerne einiges klarstellen. Ich werde euch hier den Ablauf und meine Gedanken zu der Nacht und generell zu einigen Vorwürfen schildern, weil es mir dermaßen auf den Sack geht, was man sich in Ffm über „uns“ erzählt.
    Ich bin einer der Besetzer vor der EZB. Als ich am Abend der Hausbesetzung im Camp war, kam ein älterer Mann zu mir und erzählte mir von der Besetzung. Ich habe es direkt an möglichst viele Menschen weitergegeben und nachdem wir es per Megaphon ausgerufen hatten, fanden wir uns auch sehr schnell zusammen und sind als Gruppe in die Schumannstr gelaufen ( Siener bspw. war zu dem Zeitpunkt noch nicht dabei ). Wir sind alle dorthin, da die Räumung eine Entscheidung ist, die genau die Politik widerspiegelt, die wir verachten ( „wir“ sind in dem Fall die Gruppe, mit der ich in die Schumannstr gelaufen bin ). Ich wurde dann zusammen mit anderen Occupy Kolleg_innen bei einer gemeinsamen Aktion von der Polizei kurzzeitig festgenommen und nach Aufnahme der Personalien wieder freigelassen. So viel zu den “ unsolidarischen Arschlöchern“.
    Das bringt mich zu dem Punkt, dass es nun einmal – sei es noch so nervig – nicht möglich ist über DIE Leute von Occupy Frankfurt zu urteilen. Genauso wenig wie der Megaohon Ausruf Sieners in der Nacht eine geschlossene „Occupy Aktion“ war, ist die Verknüpfung von Zeitgeist mit Occupy zutreffend. Wir werden in den nächsten Tagen das Problem angehen. Ich habe es schlichtweg unterschätzt, da ich bis vor einigen Tagen nur oberflächig über diese obskure Bewegung Bescheid wusste. Nun ist klar, dass die subtile Art wie sie ihre Ideologien im Camp verbreiten und nach außen verkaufen, dem Camp erheblichen Schaden zugefügt hat und noch zufügen kann. Wir werden das so schnell wie möglich klären. Ich wäre allerdinds auch dankbar gewesen, wenn aus der Szene in Ffm mehr Aufklärung bzw. Unterstützung gekommen wäre. An der knappen Bemerkung eines Mitglieds des Asta bei einer der ersten Asambleas, dass man vorsichtig sein sollte, bei Bewegungen wie Zeitgeist, war für mich nicht Dringlichkeit dieses Problems zu erkennen.
    Ich bitte einfach darum uns nicht alle über einen Kamm zu scheren, auch wenn es die Medien immer wieder versuchen. Wir haben und brauchen keinen Sprecher. Wir identifizieren uns nicht mit menschenverachtenden Ideologien jedweder Art. Ich hoffe, dass wir in Zukunft mehr Unterstützung aus der frankfurter Szene bekommen werden, vielleicht auch bei der Lösung des Problem mit Zeitgeist.
    LG

  14. 14 w 10. November 2011 um 18:58 Uhr

    im berliner camp scheint alles noch schlimmer zu sein:
    http://reflexion.blogsport.de/2011/11/10/der-querfrontler-ein-occupy-aktivst/

  1. 1 Aus den Chroniken des Lügenbarons Werner Müller-Esterl « vorstellungsrepraesentanzen Pingback am 24. Oktober 2011 um 10:58 Uhr
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